
Da heute Ereignisse von nationaler Irrelevanz ihre Schatten in die Wohnzimmer der deutschen Technikfans werfen, habe ich mich dazu entschlossen, meinen wöchentlichen Rhythmus zu unterbrechen und den Eintrag vom kommenden Montag vorzuziehen – Anlass ist ein Erfahrungsbericht zum Verkaufsstart des Apple iPads in Deutschland.
In den USA ist das neue Wundertablet schon seit ca. 2 Monaten auf dem Markt, und auch die deutschen Medien haben ihre Begeisterung in Form von zahlreichen Vorschusslorbeeren bereits zur Genüge kundgetan. Vom “ganz großen Ding” (DIE ZEIT), einer “digitalen Wundertüte” (Stern) und “Apples Streichel-Computer” (SPIEGEL online) war da die Rede – Grund genug, heute morgen frühzeitig die Übungsgruppe zu verlassen und kurz nach Ladenöffnung beim örtlichen Apple-Händler aufzutauchen
Wir haben eigentlich mit langen Schlangen gerechnet, aber weit gefehlt…bis auf die üblichen asiatischen Touri-Trupps war die Heidelberger Haupstraße vergleichsweise ruhig, und der Theile-Filiale sah man weder von außen noch von innen an, welch Wunderflundern da auf den Tresen lagen.

Erster Eindruck: das Tablet ist kleiner als erwartet – irgendwie erschien das Gerät bei der Keynote-Präsentation und im Vorstellungsvideo ein bisschen größer. Wenn man es in der Hand hält bewahrheitet sich als erstes die bereits vielzitierte Tatsache, dass es sich beim iPad weitestgehend um ein Konsumgerät handelt – für die verschiedenen Apps und Programme ist das 10″- Display eine wahre Freude und deutlich besser zu lesen und zu nutzen als das iPhone (das ich ungewollt ständig als Vergleich vor Augen hatte), aber eigene Inhalte erstellen oder Photos bearbeiten etc. will man auf diesem Display wirklich nicht.


Damit jetzt nicht jeder nochmal auf der Apple-Seite nachschauen muss, seien hier die technischen Daten nochmal kurz beschrieben:
Das iPad ist ein 24 x 19 x 1,5 cm großes Gerät, das im Wesentlichen aus einem Aluminiumgehäuse und einer Glasfront besteht, in die ein 9,7″ großes Touchscreen-Display eingelassen ist. Dieses besitzt eine Auflösung von 1024 x 768 Pixeln, was einer Pixeldichte von 132 ppi entspricht. Apple bietet verschiedene Modelle mit Speicherkapazitäten von 16 GB, 32 GB und 64 GB an; außerdem hat man die Wahl zwischen der reinen Wi-Fi-Variante (Internetzugang nur über WLAN) sowie den entsprechenden Wi-Fi + 3G Modellen, die über eine Micro-SIM-Karte auf die klassischen Funknetzte zugreifen können und somit auch mobilen Internetzugang ermöglichen. Gesteuert wird das Ganze von einem eigens entwickelten 1-GHz-Chip, die Batterie ist fest eingebaut und die einzige eingebaute Schnittstelle ist der Apple-typische Dock Anschluss – ansonsten gibt es nix. Kein Firewire, kein USB (!), kein garnix.


Zweiter Eindruck: Für die Einhand-Bedienung ist das iPad relativ schwer – eigentlich zu schwer. Natürlich kann man das Gerät problemlos einige Minuten mit einer Hand halten, aber wirklich angenehm ist das nicht, vor allem wenn es an die Texteingabe geht.
Dritter Eindruck: Das Display spiegelt, und zwar massiv. Aber der Reihe nach…
Haptik, Verarbeitung: Keine Kritik – eigentlich ist jeder Kommentar überflüssig: Die Fertigung ist absolut Apple-like, saubere Verarbeitung wäre eine Untertreibung…die Unibody-Glasdach-Konstruktion lässt einfach keine Wünsch offen. Das Gerät fühlt sich dadurch sehr wertig an, ist aber wie bereits erwähnt mit ca. 700g relativ schwer. Ansonsten zelebriert das Gehäuse die Entdeckung der Einfachheit; ein Display, ein Knopf, das war’s.

Display: Das Display ist gut und klar ablesbar, angenehm zu betrachten und genügend hoch aufgelöst, um die allermeisten Strukturen sauber und ohne sichtbare Pixelstrukturen aufzulösen. Auch die Farben werden sauber und brilliant dargestellt. Dies gilt allerdings nur bei gleichmäßigem, nicht zu intensiven Umgebungslicht – sobald sich punktförmige Lichtquellen im Rücken des Betrachters befinden entstehen fiese Reflexionen, die im günstigen Fall einfach nur stören und im ungünstigsten Fall das Betrachten von Inhalten oder gar Lesen von Texten gänzlich unmöglich machen. Dies sollte eigentlich kein großes Problem darstellen, da das iPad ja in den meisten Fällen problemlos so ausgerichtet werden kann, dass diese Reflexe nicht auftreten. Wer mit dem Gedanken spielt, sich ein solches Gerät zuzulegen, sollte diesen klaren Nachteil trotzdem im Hinterkopf behalten – ich kann mir zum Beispiel nicht vorstellen, dass das Display unter freiem Himmel oder gar bei direkter Sonneneinstrahlung vernünftig ablesbar ist.


Fingerabdrücke: Ich habe bereits in verschiedenen Berichten von störenden Fingerabdrücken gelesen. Meiner Einschätzung nach sind diese während des Gebrauchs nicht problematisch, da sie durch das brilliante Display “überstrahlt” werden und so bei der Nutzung nicht störend auffallen. Sobald das Display ausgeht sind sie allerdings in der Tat deutlich zu erkennen – wer das iPad also als Schmuckstück nutzen will sollte immer ein entsprechendes Poliertuch bereithalten.
Tastatur: Die Texteingabe findet über eine virtuelle Tastatur statt, die bei Bedarf eingeblendet wird und überraschend gut ist. Sie ersetzt in keinster Weise ein herkömmliches Keyboard, lässt sich aber erstaunlich gut und treffsicher bedienen und reagiert verhältnismäßig hervorragend auch auf schnelle Eingaben. Ich muss sagen, das hat mich wirklich positiv überrascht und stellt meiner Meinung nach einen echten Pluspunkt dar. Ich bin selber kein schneller Tipper und schreibe gewöhnlich mit einem über die Jahre entstandenen, sehr unorthodoxen 6 1/2 – Finger – Suchsystem, und ich kann mir ernsthaft vorstellen, mit ein bisschen Übung genügend schnell auf dieser Tastatur zu schreiben, dass auch etwas längere Mails keine wirkliche Qual mehr darstellen. Ein Problem sind allerdings die limitierten Zeichen, die Apple in der Default-Einstellung zur Standard-Tastatur einblendet. Ich weiß nicht, inwiefern sich das individuell anpassen lässt, aber beim Vorführgerät musste man bereits für typische Sonderzeichen und Umlaute auf eine tieferliegende, zweite Tastatur umschalten – sehr umständlich!
Auch die Umschalttaste liegt sehr weit innen und fordert einige Gewöhnung. Außerdem ist mir während der Nutzung ein paarmal aufgefallen, dass auch die beste und benutzerfreundlichste Software keine Shortcuts ersetzen kann – und die sind auf der iPad-Tastatur ebenfalls kaum einzusetzten. Note: Auch hier beziehe ich mich auf die Nutzung mit zwei Händen; Texteingabe mit einer Hand ist wirklich kein Spaß.


eBooks: Eine der interessantesten Anwendungen des iPads finde ich die eReader-Funktion, also die Möglichkeit, Zeitschriften und (Lehr-)Bücher darzustellen. In diesem Bereich hat sich eine gewisse Ernüchterung eingestellt – der Bildschirm ist für meinen Geschmack etwas zu klein, um damit wirklich etwas anfangen zu können. Außerdem macht diese Anwendung zumindest im Unialltag nur dann Sinn, wenn es eine sinnvolle Möglichkeit gibt, in irgendeinerweise per elektronischem Stift o.ä. handschriftliche Notizen anzufügen – und diese Option fehlt beim iPad meines Wissens nach völlig.

Prozessor: Ich kenne mich mit der (verbauten) Technik nicht aus, deshalb nur soviel: Das Gerät ist schnell, bzw. schnell genug. Bis auf sehr rechenintensive Spiele starten alle Anwendungen ohne relevante Ladezeit und laufen flüssig und ohne sichtbares Ruckeln. Also: Rechenpower ist ausreichend vorhanden.
Spiele: Als wir den Laden betreten haben waren zwei der drei verfügbaren iPads grade im Spielemodus aktiv. Das mag für eine statistisch relevante Aussage zu wenig sein, an einen Zufall glaube ich aber trotzdem nicht. Wie bereits erwähnt hat der Prozessor genug Power um auch anspruchsvolle Rennspiele ohne Probleme darzustellen, und ich tatsächlich waren die installierten Games einer der Höhepunkte der Mini-Test-Phase. Je nach Anspruch an das Tablet ist das ein bisschen traurig, aber die Spiele stellen sicherlich eine der Stärken des iPads dar.
Datentarife für die 3G-Modelle: Die Verbindung über gängige Funknetzte wird von mehreren Unternehmen angeboten. Es gibt sowohl monatliche Flatrates zwischen 10 und 25 € als auch Tagesflats für 5 €. Sonderlich günstig finde ich das nicht, aber mit der Zeit wird das der Markt schon richten
Lautsprecher: Der Sound ist akzeptabel, mehr nicht. Für den Genuss von Filmen oder anspruchsvoller Musik würde ich den Gebrauch von Kopfhörern empfehlen.

Fazit: Das iPad ist ein komisches Ding – es ist eines dieser seltenen Gegenstände, die ein Haben-Wollen-Verlangen auslösen, obwohl kein Bedarf besteht. Trotzdem hat es für mich drei große Nachteile:
- Das geschlossene System: Mit dem Kauf betritt man die heiligen Hallen von Apple, hier gelten die Apple’schen Gesetzte und was Apple nicht mag, das kann man gern haben – es kommt trotzdem nicht aufs iPad. Natürlich hat diese Exklusivität viele Vorteile, aber dafür zahlt man einen hohen Preis. Ohne diese Problematik hier weiter auszuführen, ich finde es nicht wirklich lustig, auf einem für teures Geld erstandenen Gerät nur konsumieren zu können, was Apple gefällt. Nicht dass ich die halbnackten Bild-Girls wirklich vermissen werde, aber ich kann mir durchaus Situationen vorstellen, in denen meine Vorstellung von Inhalten nicht mit denen der Sittenwächter aus Cupertino konform geht.
- Dieses Gerät braucht kein Mensch. Diese Aussage mag etwas übertrieben klingen, aber im ursprünglichen Wortsinn halte ich sie durchaus für zutreffend. Steve Jobs sprach bei der Vorstellung von einer “3rd category of devices”, die Apple einführen will – und offensichtlich ist diese dritte Kategorie vor allem darauf ausgerichtet, moralisch bedenkenlose Inhalte im hauseigenen iTunes/iBook-Store zu erwerben und anschließend zu konsumieren. Dieses Konsumieren muss man nicht verteufeln und es stellt sicher einen großen Teil unsrer modernen Gesellschaft dar. Trotzdem demonstriert für mich der Besitz eines iPads einen solch offensichtlichen Luxus, dass einem bereits die Anschaffung eine gehörige Selbstrechtfertigung abverlangt.
- Das iPad ist OFFENSICHTLICH ein digitaler Notizblock. Es hat die Größe eines Notizblocks, es hat das Gewicht eines (dicken) Notizblockes und es würde mit seiner eBook-Darstellung und dem handlichen Format den perfekten iNotizblock abgeben – WARUM um alles in der Welt hat Apple keine analoge Eingabemöglichkeit (mit einem elektronischen Stift o.ä.) eingebaut? Das iPad wäre unglaublich gut für den Unialltag geeignet, mit allen Lehrbüchern und sämtlichen Skripten, wenn man während einer Vorlesung einfach “handschriftliche” Notizen auf das Display machen könnte, die dann als zusätzlicher Layer o.ä. gespeichert würde und auf diese Weise Tonnen von Papier ersetzen könnte. Hoffentlich kommt da noch irgendwas nach…das kann doch nicht so schwer sein, ich habe sowas schon vor Jahren auf verschiedenen Tablet-PCs anderer Hersteller gesehen.
Wenn man mit diesen Einschränkungen leben kann ist das neue Tablet ein durchaus interessantes technisches Gerät, das leider ein bisschen zu sehr auf der Spielzeugseite des Lebens zu Hause ist, aber seinen Besitzern sicherlich trotzdem viel Freude bereiten wird.
